Freies Theater in Südwestniedersachsen


Seit nunmehr 25 Jahren ist Hildesheim, diese kleinste Großstadt des südlichen Nordens, eine Qualitäts-Brutstätte Freien Theaters mit großer Zentrifugalkraft.

Viele Gruppen und Theatermacherinnen und Theatermacher der Freien Szene, die auch überregional arbeiten, sind durch die Kollektiv-Schmiede des Instituts für Theater und Medien der Universität Hildesheim gegangen.

Die große Anzahl der Gruppen, die Hildesheim auch lange nach abgeschlossener Studienzeit die Treue hält, gibt Auskunft über eine besondere Konstellation mit wichtigen Netzwerkknoten und Kooperationspartnern: Dazu gehören der Aufführungsort und Produktionspartner Theaterhaus Hildesheim e.V., der 2005 gegründete Verein ›tanzsehen- selbertanzen‹ und das 2007 ins Leben gerufene Theaterpädagogikzentrum Hildesheim e.V. aber auch langjährige Kooperationen mit dem Stadttheater Hildesheim, die im Bereich des Kindertheaters auch nach der Fusion zum TFN (Theater für Niedersachsen) 2007 weitergeführt wurden, zählen dazu.

Dieses Freie Theater-Biotop aus Gruppen, die zum Teil seit mehr als zehn bzw. zwanzig Jahre bestehen, aber auch vielen jungen Initiativen, wäre ohne die mehrgliedrige Förderlandschaft aus Stadt, Weinhagen-Stiftung, Landschaftsverband und Bürgerstiftung auf kommunaler Ebene und nicht zuletzt durch die zwei starken Förderpartner auf Landesebene: dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft Niedersachsen und der Lottostiftung undenkbar.

Die Konsequenzen des Verlusts der kompetenten Förderung durch die Lottostiftung sind für die Szene der Landschaft Hildesheim noch nicht abzusehen. Doch die Besorgnis, dass der neue Antragspartner – die Stiftung Niedersachsen – den ehemaligen Förderschwerpunkt der Lottostiftung nicht gleichwertig ersetzt, ist begründet. Freies Theater ist bei der Stiftung Niedersachsen im Förderungsbereich ›die Künste‹ lediglich an vierter Stelle erwähnt. Auch die Auswahl der bislang geförderten Großprojekte lässt befürchten, dass die Vielzahl und Breite der hier ansässigen Freien Szene gefährdet ist.

Auch auf kommunaler Ebene verweisen die Zeichen der Mittelvergabe auf Großprojekte: So kündigte die Stadt Hildesheim 2008 an, in den beiden kommenden Jahren die kulturellen Kräfte der Stadt thematisch zu bündeln und ließ für 2009 das Motto ›Gartenregion Hildesheim‹ und für 2010 ›Michaelis-Jubiläum‹ verlautbaren. Auch die Weinhagen-Stiftung kündigte an, ihre Gelder zu großen Teilen für diese Projekte zu reservieren – keine gute Vorzeichen also für kleinere, eigenständige Projekte.

Das 2005 neu aufgestellte Theaterhaus Hildesheim e.V. hat es geschafft, die Lagerhalle am Langen Garten wieder zu einem wichtigen Aufführungsort der Freien Szene und Treffpunkt eines neugierigen, studentischen Publikums zu machen. Durch Programmerweiterungen mit Konzerten, Lesungen, Poetry Slams, Improvisationstheater aber auch Performance Art und Ausstellungen ist es gelungen, auch die übrige Kulturszene und ein städtisches Publikum zu gewinnen. Mit der seit 2007 gewährten Konzeptionsförderung des Landes Niedersachsen konnten die Veranstaltungsräume umgebaut und modernisiert werden und die, zuvor rein ehrenamtliche, Arbeit in geringfügigen Beschäftigungsverträgen fortgeführt werden.

Durch eigene Programmreihen pointiert der Verein seine Schwerpunkte: Nach der ›Vernetzungslounge‹-Reihe 2006/07 zur Kooperationsförderung zwischen den Mitgliedsgruppen und dem Kurzdramenwettbewerb 2007 für Nachwuchsdramatiker, versammelt seit Februar 2008 die monatliche Reihe ›schauSpielPlatz‹ die besten Kindertheater-Inszenierungen der letzten Jahre. Für April diesen Jahres ist der Auftakt der neuen Reihe ›Schiller-Schredder‹ angekündigt: Das Konzept verspricht radikale Neuansichten von Schillers Dramen – eingängige Cover und assoziatives Sampling bis zur (Un)Kenntlichkeit.

Neben diesen programmatischen Marken hat sich der Verein in den vergangenen zwei Jahren verstärkt für die städtische Lobby- und Netzwerkarbeit engagiert: So war das Theaterhaus 2007 an der Gründung des ›IQ – Interessengemeinschaft Kultur Hildesheim e.V.‹ beteiligt, der die Planung des dreitägigen Großprojekts ›Hildesheimer Wallungen – Die lange Nacht der Kultur‹ zum Gartenregion-Motto übernahm, an dem sich im Juni 2009 auch Einzelkünstler und Gruppen der Freien Theater-Szene beteiligen. Zudem hat die Veranstalterversammlung des IQ kürzlich ein Positionspapier zur Zukunft der Kulturverwaltung der Stadt vorgelegt, das die Einrichtung eines Experten- Kulturbeirates empfiehlt, um die Kulturverwaltung in ihren Förderentscheidungen und strukturellen Weichenstellungen für eine nachhaltige Planung und erhöhte Förderpotenz zu beraten.


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