„Auf Augenhöhe“


Eine Tagung zu Theater und Schule in Niedersachsen.

Das Interesse am Thema war gross und das Foyer der Schünemannschen Mühle in Wolfenbüttel gut gefüllt mit den Akteuren des Feldes Theater und Schule in Niedersachsen und darüber hinaus.

Entsprechend hoch war der Anspruch der beiden Tagungsleiter Prof. Dr. Wolfgang Schneider (Universität Hildesheim) und Thomas Lang (Bundesakademie Wolfenbüttel). ›Eine mehrjährige, nachhaltige und vertraglich geregelte gegenseitige Wahrnehmung‹ gelte es zu initiieren. Dabei lässt sich durchaus auf Beispiele in anderen Bundesländern zurückgreifen. In Hessen etwa wird dieser Tage eine Rahmenvereinbarung ›Theater und Schule‹ unterzeichnet, die Kultus- und Kunstministerium gemeinsam mit den Verbänden entwickelt haben. In Hamburg und Berlin gibt es seit über zehn Jahren die TUSCH genannten mehrjährigen Partnerschaften zwischen Theatern und Schulen. In Nordrhein-Westfalen wird ein Förderprojekt gerade aufgestockt, in Sachsen und Sachsen-Anhalt laufen ebenfalls seit einigen Jahren erfolgreich ›Theater und Schule‹-Projekte. Auch in Bayern und Baden- Württemberg gibt es Kooperationen.

Nun ist es auch nicht so, dass es in Niedersachsen keine Initiativen gäbe. So hatte das Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) bereits vor einigen Jahren allen Staatstheatern die Bereitstellung von Angeboten für Kinder und Jugendliche in die Fördervereinbarung geschrieben und alle Theater in kommunaler Trägerschaft mit der Aussicht auf zusätzliche Fördermittel zu neuen Angeboten für Schülerinnen und Schüler angestiftet. Darauf wies der für das MWK an der Tagung teilnehmende Theaterreferent Detlef Lehmbruck hin. Diese Maßnahmen seien sehr erfolgreich und würden durch die Angebote der Freien Theater gut ergänzt, führte er aus.

Hinzu kommt die bundesweit einzigartige Theaterlehrerausbildung, die die Hochschulen in Braunschweig, Hildesheim und Hannover im Verbund anbieten und die im Rahmen der Tagung von der an der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste in diesem Bereich lehrende Professorin Dorothea Hilliger vorgestellt wurde. Hier verlassen gerade die ersten zum Theaterlehrer ausgebildeten Absolventen die Hochschulen.

Glück haben sie, wenn sie in den Theaterstädten Göttingen, Hannover, Oldenburg oder Osnabrück eine Anstellung finden und in den dortigen Theatern auf gut vorbereitete Ansprechpartner treffen, die für viele Kooperationsformen offen sind. Noch mehr Glück haben sie, wenn ihr Schulleiter so offen für Theateraktivitäten ist, wie der ebenfalls auf die Tagung eingeladene Andreas Meisner, der die integrierte Gesamtschule Franzsches Feld in Braunschweig leitet und die Zusammenarbeit zwischen Theatern und Schulen als sehr gute Möglichkeit für die Schülerinnen und Schüler betrachtet, außerschulische Lernerfahrungen zu machen. Gerade im Wettbewerb um die Schüler beginnen immer mehr Schulen mittels kultureller Angebote zu konkurrieren und stoßen dabei sowohl an finanzielle wie auch personelle Grenzen, wie der Leiter der Wolfenbütteler Realschule, Bernhard Schrodi, zu Bedenken gab.

Denn der Bedarf der Schulen an Kooperationen mit Theatern ist selbst an den Orten mit Stadt- und Staatstheatern von deren festangestellten Mitarbeitern nicht zu decken. Und da für die Freien Theater keine zusätzlichen Mittel zur Verfügung stehen, müssen manche Wünsche offen bleiben. Die Mittel der Schulen, vom Kultusministerium mit mehr Budgetverantwortung ausgestattet, sind für selbst finanzierte Kooperationen viel zu gering. Hinzu kommt, dass Kooperationen von Schulen mit Theatern wie auch der Theaterbesuch im schulischen Rahmen völlig von der Eigeninitiative und den Interessen der verantwortlichen Lehrer abhängen. Überall dort, wo in Niedersachsen Theater mit Schule zusammenarbeitet, sind es Einzelne, die an den Schulen die Initiative ergreifen und den Wert kultureller Bildung im und mit Theater für ihre Schülerinnen und Schüler erkannt haben.

Diese auf Eigeninitiative basierende Aktivität entspricht auch, so scheint es, der Linie des Kultus- ministeriums. Man habe gerade den Schulen mehr Eigenverantwortung gegeben, dann müssten diese auch selbst entscheiden können, wie groß ihr kulturelles Angebot sei, betonte Hans Walter vom Kultusministerium. Das Ministerium würde diese Aktivitäten begrüßen, aber nicht befördern. Dies tue man im Rahmen von ›Musikland Niedersachsen‹ gerade exemplarisch im Musikbereich.

Im Rahmen der Tagung wurden einige exemplarische Beispiele für langfristige (und finanzierte!) Beispiele aus anderen Bundesländern vorgestellt. Von Katrin Behrens, Koordinatorin von TUSCH (Theater und Schule) Berlin und Gunter Mieruch, Fachreferent für Darstellendes Spiel und TUSCH-Koordinator in Hamburg wurden die beiden langjährigen Kooperationsprojekte der beiden Stadtstaaten erläutert. Sie vermitteln Partnerschaften über zwei Spielzeiten bzw. Schuljahre zwischen einem Theater und einer Schule, die dann meist in einer Inszenierung münden. Es muss aber nicht immer einen Bühneninszenierung sein: So gestalteten das Junge Schauspielhaus Hamburg und eine Grundschule deren Umzug in ein neues Schulgebäude mit 400 Schülerinnen und Schülern als theatrales Ereignis für die Öffentlichkeit des Stadtteils. In München gründeten die Münchner Kammerspiele gemeinsam mit einer Hauptschule in einem leerstehenden Schulgebäude eine ›Hauptschule der Freiheit‹, in der die Zuschauer zu Schülern wurden, die in kurzen Unterrichtseinheiten etwas über die Träume und Visionen der jugendlichen Akteure erfahren konnten.

Die Rolle der beiden Koordinatoren besteht bei solchen Projekten darin, Partner aus Schule und Theater zusammenzubringen, innerhalb des Modells Krisenmoderation und Qualitätssicherung zu betreiben, aber auch darauf zu schauen, dass möglichst viele Theaterformen und alle Schulformen partizipieren können. Es sind durchaus auch nicht nur Kinder- und Jugendtheater, die an diesen Kooperationen partizipieren, sondern TUSCH ermöglicht auch Theatern ohne ein dezidiertes Programm für Kinder und Jugendliche dieses Feld für sich auszuprobieren.

Hierbei gilt es, die Eigenheiten und Strukturen des jeweiligen Partners anzunehmen und ›auf Augenhöhe‹ darüber zu sprechen, wie die Zusammenarbeit gestaltet werden kann. Solche TUSCH-Initiativen haben allerdings auch eine klare Finanzstruktur mit verlässlichen Partnern, in Hamburg sind es die Bildungsbehörde und die Körber-Stiftung.

In Niedersachsen könnte sich die seit einem Jahr für die Förderung der Freien Theater zuständige Stiftung Niedersachsen vorstellen, eine stärkere Rolle bei der Förderung der kulturellen Bildung zu übernehmen, sagte deren Projektreferentin Julia Hiller. Die Stiftung Niedersachsen dokumentierte als Mitveranstalterin der Tagung ihr Interesse an einer Weiterentwicklung. Ein Engagement sei vor allem in ländlichen Regionen in Zusammenarbeit mit den Landschaften vorstellbar.

Auf das Fehlen von Fördermitteln wiesen auch die auf der Tagung zahlreich vertretenen Freien Theater hin und berichteten von zahlreichen Initiativen in der Zusammenarbeit mit Schulen, denen aber vielfach die Kontinuität fehlt.

Im Schlussplädoyer der Tagung formulierte es Wolfgang Schneider noch einmal deutlicher: „Warum sprechen wir nicht vom Theaterland Niedersachsen mit verschiedenen Feldern, die zusammengebunden werden können. Und zwar die Tanker und die Schlauchboote: Stadt- und Staatstheater, Freies Theater und Amateurtheater. Eine Erweiterung der Schulkultur und eine Veränderung der Theaterkultur lassen sich mit nachhaltigen Projekten erzielen, die Wege der Vermittlung und Teilhabe eröffnen. Hierzu ist eine Zusammenarbeit auf breiter Ebene zwischen den beiden zuständigen Ministerien, aber auch den Landschaften und Kommunen notwendig.“

Die Bereitschaft der Akteure in den Theatern und in den Schulen, gemeinsam Initiativen zu starten, ist groß, das hat die Tagung ebenso gezeigt, wie die sich häufenden Anfragen zu diesem Thema. Angesichts der Veränderungen in den Schulen und der engen finanziellen Vorgaben der Theater kann es aber nicht nur bei der Hoffnung auf Eigeninitiativen bleiben. Denn ›Theater und Schule‹-Projekte sind ein Schlüssel für die Teilhabe an Kunst und Kultur. Niedersachsen ist ein Theaterland und die strukturierte Kooperation von Theater und Schule kann ganz erheblich dazu beitragen, dass das auch so bleibt.


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