Der entscheidende Dreh


Freies Tanztheater in Niedersachsen.

Als ›Diaspora‹ in Sachen Freies Tanztheater beschrieb vor acht Jahren ein Artikel der Gazette das Flächenland Niedersachsen. Mit Artblau und Kunas Modernus in Braunschweig sowie der Compagnie Fredeweß in Hannover wurden ganze drei Produktionsstätten erfasst – bescheiden im Vergleich zu NRW oder Berlin.

Seither ist die Beachtung des Tanztheaters als feinfühliger künstlerischer Seismograph der Zeit allgemein gestiegen, Festivals blühen, junge Choreografen prägten eigene künstlerische Stile. Die Durchlässigkeit zwischen Kulturen, Nationalitäten, freier und staatlich etablierter Szene ist hoch, wie das Engagement der Niederländerin Nanine Linning am Theater Osnabrück beispielhaft zeigt.

In Niedersachsens Freier Szene tat sich einiges, dank der hochwertigen Arbeit des Festivals Tanztheater International wurde 2008 die Tanzplattform Deutschland, die nationale Leistungsschau des Freien Tanzes, nach Hannover vergeben; dank des Förderprojekts Tanzplan der Bundeskulturstiftung flossen über Bremen fünf Jahre lang je 260 000 Euro zur Förderung des Tanzes in Norddeutschland, freilich keineswegs nur des Freien Tanzes. Und mit Felix Landerer, früher Tänzer in der Compagnie von Stephan Thoss, siedelte sich ein weiterer prägnanter Choreograf in der Landeshauptstadt an.

Und sonst? Ist es angesichts der knappen Mittel schon eine positive Nachricht, dass die Szene stabil blieb. Fredeweß entwickelte interessante Aktivitäten in Richtung Jugend, Dietrich Oberländer schickt unter dem Signum ›Artblau‹ aus Braunschweig erfolgreiche Produktionen in die Welt; Kunas Modernus experimentiert in Braunschweig mit sportlichen Kooperationen, in Hildesheim sorgt Nicole Baumann mit Tanz.Utan für Tanzimpulse. Für eine große, fluktuierende Szene fehlt der Nährboden aus Tanzstudenten und Compagnien an kleineren städtischen Häusern.

Umso bewundernswerter ist, wie die Freien sich halten. So ist Artblau in Braunschweig ein Unikat in Deutschland, die einzige Institution, die Freien Tanz produziert. Was konkret heißt: Gelder akquirieren, Räume stellen, Tänzer und Choreografen zusammenführen, Techniker auftreiben, Touren organisieren, Hotels suchen, Flüge buchen. „Als Produzent ist man Mutter der Nation und Kindermädchen“, sagt Dietrich, genannt ›Jerry‹, Oberländer, der dies seit 1986 in Personalunion ausübt, zudem als Bauherr und Handwerker seiner Tanzprobe- und Vorführbühne fungiert. Anfang Juni weihte er seine neuen Räume in der ›Kunstmühle‹, der ehemaligen Versuchsmühle des Mahlwerkherstellers Bähler, ein. „Ein idealer Ort“ sei dieses Industriegebiet, sagt er: „Hier lenkt nichts von der Tanzproduktion ab.“ Die aus Israel stammende Zufit Simon, der Münchner Philip Bergmann sowie die Berlinerinnen Raffaella Galdi und Anja Hempel nutzen häufig die Artblau Tanzwerkstatt, Oberländer- Produktionen tourten in Berlin, London, Barcelona, Moskau und Washington, holten Preise in Edinburgh, München, Leipzig, Kalisz (Polen), Dresden und Hannover. Eine stolze Bilanz für einen äußerst schmalen Grundetat von 25 000 Euro im Jahr.

Das Problem: Artblau hat sich zwar überregional laut Oberländer „so etwas wie ein Label erarbeitet“, das auch in Hannover wirkt – nicht aber in Braunschweig. Die Stadt fördert ihr freies Tanzlabor nicht und nennt als Grund die geringe Wirkung vor Ort. Von der Kunstmühle erhofft sich Oberländer da neue Impulse.

Was der Tanz braucht, zeigt das Modell Artblau: Organisation, Räume, Strukturen, Stipendien. All das war auch in Hannover im Gespräch, in einer kurzen Hochphase 2008, als Christiane Winter, Leiterin des Festivals Tanztheater International, die Tanzplattform Deutschland dort ausrichtete. Hannovers damals relativ neue Kulturdezernentin Marlis Drevermann machte sich für ein ›Tanzhaus Hannover‹ stark, das im Rahmen eines Artist-in-Residence-Konzeptes Choreografen und Compagnien für einen Produktionszeitraum in die Stadt holen sollte. Hier proben, Arbeitsschritte öffentlich vorstellen: So könnte sich ein Zentrum mit Strahlkraft in die Stadt und in die Welt entwickeln. Doch nach einiger vergeblicher Ortssuche verlagerte sich die Konzentration des Dezernats zu einem anderen Projekt; in Bezug auf den Tanz wolle man, so Drevermann, „erst einmal sehen, dass das Festival gesichert wird.“

Das Label ›Tanzhaus‹ nahm etwas überraschend im April 2010 die Compagnie Fredeweß für sich in Beschlag, ernannte ihre Studiobühne zum ›Tanzhaus im Ahrbergviertel‹, obwohl sich an der intimen Größe ihrer Proben- und Vorführstätte nichts änderte. Doch der seit 1998 in Hannover ansässige freie Choreograf hat mit dem Dogdance-Festival und diversen Kooperationen Aktivitäten entwickelt, die eine griffigere Benennung nahelegten. Fredeweß, zu dessen festem Ensemble seit 2001 die Tänzerin Natascha Hahn gehört, entwickelt seine Choreografien ganz aus der Körperlichkeit heraus. Die aus natürlicher, nicht ballettgeprägter Bewegung entstehenden, meist abstrakten Tanzbilder schaffen eine Assoziationsfläche, aus der sich das Publikum selbst seine Geschichte suchen kann – so der Ansatz, der eher von der bildenden Kunst her inspiriert ist als vom Theater. Fredeweß’ Stücke wie zuletzt ›Drei Tierische Frauen‹, ›In Turbulenzen‹ oder ›Liebe Drama Wahnsinn‹ erhielten gute Kritiken, zeigten Originalität und tänzerisches und choreografisches Können.

Zudem setzt die Compagnie Fredeweß seit 2008 mit ihrer Jugendarbeit Impulse. ›Mots‹, Moderner Tanz in Schulen, entfaltet den Tanz ganz aus den körperlichen Möglichkeiten der jungen Teilnehmer. ›Jeder kann mitmachen, egal für wie unbeweglich oder unbegabt er sich hält‹, so Fredeweß. Dank fester Integration der Projekte in den Stundenplan werden alle erreicht; oft zeigten gerade schwierige Schüler unerwartet positive Mitarbeit. Im Februar 2011 stellen fünf Klassen abendfüllend im Theater am Aegi ihre Arbeitsergebnisse vor. Von Fredeweß ging auch die Initiative zu den ›Dogdance‹- Tagen der Freien Tanzensembles in Hannover aus, bei dem Hannovers Choreografen Tanz nicht nur zum Ansehen, sondern in Workshops auch zum Ausprobieren anbieten. Zudem kooperiert Fredeweß international, in seiner ›All in one‹- Reihe hat er zuletzt eine niederländische und eine Dresdner Compagnie zum dreiteiligen Tanzabend zum Thema ›Chopin‹ eingeladen, mit sehenswertem Ergebnis.

Kooperation ist ein Zauberwort in einer Szene, in der für jede Produktion Gelder zusammengekratzt und die Ensembles neu formiert werden müssen. Commedia Futura in der Eisfabrik, im tänzerischperformativen Bereich schon seit 22 Jahren aktiv und renommiert, hat sich in den letzten Jahren bundesweit vernetzt, präsentiert im Frühjahr und im Herbst Tanz-Gastspielreihen, bei denen Künstlerinnen wie die US-Performerin Kathy Rose oder die Kölnerin Silke Z., aber auch Artblau-Produktionen sowie das Steptext dance projekt aus Bremen vertreten sind. Da war es ein logischer Schritt, eine feste Zusammenarbeit mit einem Choreografen zu suchen, zumal Commedia Futura 2009 mit der ›Weißen Halle‹ einen weiteren, multimedial nutzbaren Raum mit einem Tanzboden eröffnete. Felix Landerer, der bis 2006 fünf Jahre lang an Hannovers Staatsoper unter Stephan Thoss tanzte, sah hier eine entscheidende Chance: „Ich erhalte hier große Unterstützung“, sagt er. Mit seiner eigenen Gruppe Landerer & Company probt und präsentiert er in den Commedia-Futura- Räumen; sein Stück ›Tante Minnas Garten‹ ist ab September dort zu sehen. Außerdem fungiert Landerer als Choreograf bei Commedia-Futura-Produktionen wie ›Close to Paradise‹, das auch beim jüngsten Norddeutschen Tanztreffen gezeigt wurde. Dass er sich seine Tänzer jedes Mal neu suchen muss, sieht der 34-Jährige eher als Fahrtkosten-Problem: „Nomadendasein ist Teil des Tänzerlebens; die wenigsten Tänzer, die zum Beispiel in Berlin leben, arbeiten auch da.“ Das Management allerdings wachse sich zum Full-Time-Job aus: „Ein Produzent ist in der Tanzszene Gold wert.“

Mit seinem dichten und vielschichtigen Duo ›Suits‹ mit ihm und Maura Morales als Tänzer wurde Landerer beim Choreographen-Wettbewerb 2010 in Hannover als ›Ausnahmetalent‹ gefeiert, erhielt den Jury- Preis sowie den Scapino-Produktionspreis, er wird also mit dem renommierten Rotterdamer Ballett eine abendfüllende Produktion erarbeiten: „Eine Herausforderung und totale Freude“, sagt er. Langfristiges Ziel sei, eine feste Compagnie von sechs bis zehn Tänzern in Hannover aufzubauen.

Landerers Ansiedlung sicherte die Stadt Hannover auf Empfehlung ihres Theaterbeirats relativ rasch mit einer Grundförderung von 20 000 Euro ab; auch die Compagnie Fredeweß kann mithilfe ihrer 25 000 Euro Grundförderung immerhin die eigenen Räumlichkeiten halten. Davon können Tanzaktive wie Gerda Raudonikis oder Nicole Baumann nur träumen; doch auch sie nutzen ihre Möglichkeiten. Tanztheater Kunas Modernus, von Gerda Raudonikis 1999 in Braunschweig gegründet, konzipiert pro Jahr ein bis zwei Stücke meist als Crossover zwischen Tanzprofis und anderen Bewegungsdisziplinen, vom Kampfsportler über Skateboarder bis zu Synchronschwimmern. Bis zu 30 Personen wirken an den Produktionen mit, die je nach Thema und Kooperation an unterschiedlichen Orten gezeigt werden – so vor gut einem Jahr ›Auspicium‹ im Stadtbad, das drei mal vor jeweils 200 Besuchern gezeigt wurde. Auch ein Solo ›Aktionsraum X/2‹ hat Raudonikis jüngst choreografiert; sie ist auch als Regisseurin aktiv, arbeitet mit Jugendlichen und leitet das Bewegungstheater ›Es IST so‹ bei der Lebenshilfe Braunschweig.

Auch Nicole Baumann in Hildesheim arbeitet interdisziplinär, sorgt bei der Theatergruppe Absatz- Trio für Tanzimpulse und setzt mit dem Ensemble Tanz.Utan ein bis zwei Stücke pro Jahr um und kooperiert dabei auch mit dem Hildesheimer Theater für Niedersachsen, an dem sie früher engagiert war. Beide Gruppe gehören zu der vielfältigen Szene, die sich im Theaterhaus Hildesheim angesiedelt hat, inspiriert und mit getragen von Absolventen des Studiengangs Kulturpädagogik und seit 2007 mit Konzeptionsförderung des Landes Niedersachsen bedacht.

Ein Bühnenhaus kann einen wichtigen Kulminationspunkt bilden, das sieht man in Hildesheim, das sieht man vor allem auch in Bremen, wo seit 2003 die Schwankhalle der Freien Szene zur Nutzung zur Verfügung steht.

Auf Mitinitiative des dort auch angesiedelten steptext dance projects flossen fünf Jahre lang Bundesgelder für Tanz auch nach Norddeutschland. Im Rahmen des Förderprojekts ›Tanzplan Deutschland‹ der Kulturstiftung des Bundes wurden 130 000 Euro pro Jahr an den Tanzplan Bremen für den Versuch gezahlt, Tanz im norddeutschen Raum zu vernetzen; die gleiche Summe schoss die Stadt Bremen dazu, das war die Bedingung. Seit 2006 fanden jährlich zwei Tanztreffen jeweils in einer anderen der beteiligten Städte statt, neben Bremen in Oldenburg, Osnabrück, Braunschweig, Greifswald und Stralsund, Kiel und Hannover. Die freie Szene wurde dabei meist in gemischten Abenden präsentiert, eine gute Gelegenheit, ihre Produktionen an anderen Orten zu präsentieren und, zum Beispiel im Fall Felix Landerer, die Wiederaufnahme einer Produktion finanzieren zu können – sonst in der freien Szene fast unmöglich, da nur neue Produktionen gefördert werden. Zudem sei ein Austausch entstanden, Verbindungen und Kompetenzen, die durch das Auslaufen der Förderung Ende 2010 in Gefahr seien, sagt Tanzplan-Koordinator und Leiter von steptext Helge Letonja: „Man hat Nachhaltigkeit bewirkt und zieht jetzt den Boden weg.“ Wenigstens auf eine teilweise Fortsetzung hatten die Bremer Organisatoren gehofft; doch im November wird in Bremen das letzte Norddeutsche Tanztreffen stattfinden. „Schön wäre, wenn zum Beispiel Bremen und Hannover den Austausch weiterführen könnten“, so Letonja, „in diesem Sektor sind mit relativ wenig Geld interessante Dinge zu bewirken.“

Ein Satz, der im Grunde für den gesamten Freien Tanz in Niedersachsen gilt, der wie kaum eine andere Bühnenkunst das Potenzial hat, vom Ballettfreund bis zum theaterfernen Hip-Hopper ein sehr vielfältiges Publikum anzuziehen.


Empfehlen: