"Eine der schönsten und intimsten Theatererfahrungen" - Lena Kußmann vom Theater an der Glocksee

Foto: Romina Medrano

Am 11.Mai, also noch mitten im LockDown, startete das Theater an der Glocksee nach einer Zeit der digitalen Try Outs als erstes freies Theater des Landes wieder mit analogen Aufführungen. Das Jahresprojekt „Plantkingdom.Fremde Welten“, welches die Pflanzen zum Thema hat, gab in diversen Formaten und Teilprojekten ein Beispiel dafür, wie auch in der Pandemie analoges Theater möglich ist.

Die 1:1-Performance und Formen der Selbstermächtigung

Bis dato wurden vom 11.Mai an ca. 55 Vorstellungen gespielt und 5 Premieren gefeiert. Den Anfang machte die 1:1 Performance „Connection“, in der jeweils nur 1 Person ins Theater kam und auf 1 Perfomerin traf. Lena Kußmann konzipierte und spielte pro Tag 3x hintereinander, eine Vorstellung dauerte ca. 45 min, 30 offizielle Vorstellungen wurden umgesetzt. Die Technik wurde vom Foyer aus gesteuert, in dem sich eine 3. Person befand, die auch nach dem Theaterbesuch des Gastes alle berührten Gegenstände desinfizierte und ihn nach dem Stück im Theatergarten wieder in Empfang nahm. „Für mich war es eine der schönsten und intimsten Theatererfahrungen, die ich als Performerin bisher gemacht habe“ (Lena Kußmann).

Theateraufführungen waren zu der Zeit zwar offiziell nicht gestattet, aber private Treffen von 2 Personen schon. Um Klarheit zu bekommen und nicht Gefahr zu laufen, geschlossen zu werden, publizierten die Theatermacher*innen ihr Vorhaben und luden inklusive Oberbürgermeister alle potentiell Interessierten ein. Ihr Vorhaben wurde nicht nur toleriert, sondern u.a. auch auf hannover.de beworben. Im Vorfeld kontaktete Lena Kußmann Ministerpräsident Thümler und bat anstelle eines Generalverbots um einen kreativeren und flexibleren Umgang mit Theaterveranstaltungen in Pandemiezeiten.

Trotz fehlender Absicherung: Flexibel und aktuell und ganz nah dran

Hier beginnt auch eine kulturpolitische Fragestellung, die sich zu verfolgen lohnt: Die Staatstheater haben/hatten ein Interesse an einer Generaluntersagung des Spielbetriebs, da nur dann eine Kurzarbeit für die Angestellten folgen kann. In Bezug auf Hilfsgelder ist es auch für kleinere Theaterbetriebe relevant, ob ein Generalverbot stattfindet. Denn: Lukrativ ist z.B so eine 1:1-Performance nur, wenn die Ticketpreise himmelwärts steigen. Das Theater an der Glocksee erhöhte seine Preise zwar moderat von 14/10€ auf 20/15€ und bot weiterhin sein Solitticketsystem an, bei dem Gratistickets durch Zuschauerspenden generiert werden – aber waren die Kosten nicht zu hoch?

Lena Kußmann: „Im Laufe des Sommers fanden wir Möglichkeiten, immer größere Zuschauer*innengruppen zuzulassen. Das hatte auf der einen Seite mit sich verändernden Regularien zu tun, zum anderen mit Open Air Formaten wie unserem AudioWalk „Plantoon“ (20 Personen/ Walk) oder „Der Omega Mensch“, den wir im Hof der alten Paul Dohrmann Schule umsetzen konnten (45 Personen). Wir wurden zum Hoftheater im Staatstheater eingeladen (60-70 Personen), meldeten Protestformate an („no border plants“ 150 Personen, nur Spenden) und fanden Unterschlupf bei anderen Kooperationspartnern wie dem PLATZprojekt („Salon des Plantes, 80 Personen). Die Abrechnung steht noch aus, es folgen noch weitere Projekte. Momentan tippe ich, dass wir unseren Eigenanteil der Fördermittel ungefähr halten können. Aber das hat eben auch damit zu tun, dass wir im Sommer draußen spielen können und das Projekt sich dafür anbietet. Im Winter sieht das anders aus.

In den Theaterraum der Glocksee dürfen aktuell 16 Personen plus 5 Ensemblemitglieder (vor der Pandemie durften bis zu 100 Leute in den Bühnenraum). Das versuchen wir im nächsten Stück „Auf der Suche nach der Stille“ (Regie: Milena Fischer) mal. Wir haben allerdings eine Extraförderung für den Einnahmeausfall beantragen müssen, die noch aussteht.“

Digitale und hybride Vermittlungsformate

Auch im digitalen Bereich versucht das Theater Formate, die über Streaming und Zoomkonferenzen hinaus gehen. In ihren REPLAY Abenden, die Aufzeichnungen vergangener Stücke zeigten, gab es die Möglichkeit, im Vorfeld bei einer Liveschalte ins Theater, mit den Akteur*innen zu sprechen und zu chatten, ebenso nach dem Stück sich auszutauschen und so die Gemeinschaft des Publikums und der Mit-Zuschauenden sowie Akteur*innen zu erleben. Da auch das beliebte SALON Format im Theaterfoyer aktuell nicht möglich ist, gab es nach dem Lockdown den Versuch eines Mischformats: Draußen im Garten fanden 10 Zuschauer*innen analog Platz und konnten via Bildschirm das digitale Format verfolgen. Das Team befand sich im Theater vor 3 Bildschirmen, die auch spielerisch als Bühnen genutzt wurden. Gleichzeitig waren digitale Gäste aus Schweden und Zuschauende bei sich zu Hause Beteiligte des SALONs, bei dem es übrigens um das Thema „Berührung“ ging. Mit seinem Ansatz „labor+“ forscht Jonas Vietzke vom Leitungsteam demnächst gemeinsam mit anderen freien Kolleg*innen an dem Mehrwert und den Möglichkeiten des digitalen Theaters.

 


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