Die Nähe zum Publikum – von Vorstandsmitglied Jonas Vietzke

Am 28. Mai 2020 sprachen Geschäftsführerin Martina von Bargen und Jonas Vietzke (Vorstand LaFT/Theater an der Glocksee) im Rahmen der Kooperation des LaFT mit der digitalen Corona-Edition des Kinder- und Jugendtheaterfestivals HART AM WIND 2020 über das Thema "Was kostet Kunst im Digitalen". Inspiriert durch das Online-Gespräch hat Jonas Vietzke seine Erfahrungen und Beweggründe aus der künstlerischen Arbeit mit digitalen Räumen hier für Sie aufgeschrieben – als Zeugnis aus einer Zeit der Freien Theater im Ausnahmezustand, aber auch als eindrückliches Anschauungsmaterial für kulturpolitische Forderungen nach angepassten Förderstrukturen in Niedersachsen.

Wie ist die vermisste und von uns schon immer propagierte Nähe zu unserem Publikum in Zeiten von Shutdown und Abstandsregeln haltbar? Dies war eine unserer ersten Fragen, nachdem wir – wie wir alle – im März unser Theater fürs Erste schließen mussten.

Der Sprung in der Popularität der Zoom-App brachte das Kommunikationstool landesweit auf vielen heimischen Rechnern unter, also entschlossen wir uns für unsere ersten Schritt – trotz der zweifelhaften digitalen Sicherheit des Tools – diese offen stehende Tür künstlerisch zu nutzen.

Wir erarbeiteten ein Konzept, um unser analoges Format SALON*, das normalerweise als Treffpunkt in unserem Theaterfoyer stattfindet, in den digitalen Raum umzusetzen, und luden mit geführter Talk- und Bildregie zu Austausch, Tanz und Begegnung ein. Das Angebot wurde sehr gut wahrgenommen, der Umgang mit dem Tool war den Gästen in weiten Teilen bekannt – und vor allem konnten auch viele Besucher*- und Kolleg*innen aus anderen Städten oder Ländern dabei sein.

Auch wenn dieser Austausch natürlich kein analoges Treffen ersetzte (und auch nicht ersetzen sollte), konnten wir trotzdem an das Medium sanft heranführen und Mut und Lust beim Publikum generieren, gemeinsam an ähnlichen »Abstand-Tools« weiterzuarbeiten.

Nach intensiver Recherche fühlten wir uns auf der Plattform CROWDCAST am heimischsten und veranstalteten von dort aus mehrere Live REPLAYs vergangener Produktionen, die thematisch zur aktuellen Situation passten. Die Aufzeichnung hatten wir noch einmal eigens für das Medium angepasst und nachbearbeitet. Um auch hier einen persönlichen und gemeinschaftlichen Moment zu erzeugen, fanden die Abende nicht On-Demand, sondern nur einmalig zu einer fixen Zeit statt, zu der sich alle Zuschauer*innen und wir uns vor den jeweiligen Rechnern versammelten.  Wir begrüßten per Livevideo aus dem Theaterfoyer und gaben eine Einführung ins Stück, in die Technik und unsere eigene Auseinandersetzung mit dem Medium und der Situation dieses »Ausstrahlungs«-Moments – auch, wie sich das für uns als darin agierende Künstler*innen anfühlt.

Nach der Vorstellung switchten wir zurück auf den Livestream und beantworteten hier Rückmeldungen und Fragen, die via Chat gestellt werden konnten.

Auch hier war wieder nicht »Ersatz« das Ziel, sondern ein Ausprobieren der Möglichkeit und des Empfindens, eventuell Verpasstes oder Vermisstes noch einmal ansehen zu können oder nochmal anders vermitteln zu können.

Zum Zeitpunkt unseres zweiten Online-SALON*s hatte es die ersten Lockerungen der möglichen Personenzahl im Freien gegeben – außerdem war uns klar, dass nur mit einer technischen Wiederholung mittlerweile weniger Leute hinterm Ofen vorzulocken wären, zu sehr waren Videokonferenzen mittlerweile zum ständigen Alltag geworden.

Also reizten wir die bereits eingeführte Zoom-Plattform ordentlich aus, soweit es vorhandene finanzielle und technische Mittel und Improvisation zuließen: Wir richteten in allen Räumen des Theaters Computer-Plätze ein, vor denen wir uns selbst platzierten, bauten eine weitere Streamkamera in einem abgetrennten und als Mini-Studiobühne eingerichteten Teil des Bühnenraums, vor der wir live performten, luden eine thematische Expertin aus Schweden als Gesprächs- und Vortragspartnerin ein (auch nur auf diesem Wege möglich), sorgten für musikalische Intermezzi, streamten vorproduzierte Videos sowie einen Live-Ausschnitt via Handykamera aus unserer aktuellen 1:1 Performance – und sendeten all das sowohl in unsere Zoom-Konferenz als auch für eine kleine Gruppe analoger Besucher*innen nach draußen als Garten-TV in unseren Theatergarten.

All diese ersten Stationen waren für uns spannende Forschungen, was den »Live-Moment« und die unterschiedlichen Ansprüche der jeweiligen Publikumssituation und Betrachtungstechnik angeht – und an denen wir gerne weiterforschen möchten, auch als zusätzliche Formate und Neuerungen außerhalb von Corona und auch als weitere künstlerische Werkzeuge innerhalb analoger Projekte. Auch ging es ums Ausloten der neuen Ansprüche an uns selbst in der Moderation, die sich je nach  Kommunikationsweise (z.B. live Gespräch mit Publikums-Chat vs. Konferenzmoderation) ändern.

Bei allen digitalen Unternehmungen war für uns die direkte Kommunikation und Vermittlung auch der eigenen Auseinandersetzung mit dem Medium wichtiger Bestandteil und erwies sich auch als hilfreicher Weg, auch weniger technisch affine Teile des Publikums anzusprechen und zur Einlassung, zum Ausprobieren und Reflektieren des Erlebten einzuladen.

Nicht zu vergessen ist aber bei all dem: Der zeitliche Aufwand der technischen Einrichtung, der Live-Bildregie, dem digitalen »Proben« und überhaupt der Vermittlung der technischen Möglichkeiten schon innerhalb des Teams war enorm und nur durch die eigene Lust am Experiment und an der Technik und durch langfristige Vorarbeit und Beschäftigung leistbar.

Zukünftige Fördermittel, die auf die Erforschung oder den Einsatz digitaler Medien zielen, müssen diese Aspekte, gerade bei kleineren Teams und Gruppen, dringend mit einrechnen: Neben technischen Investitionen braucht es Zeit, Expertise, Personal und Ressourcen um allein erstmal ein Fundament schaffen zu können, von dem aus der kreative, spielerische Umgang mit dem Medium möglich wird.



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