Freies Theater im Landschaftsverband Stade


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Das Letzte Kleinod

„Als ich zwölf Jahre alt war, ging ich mit auf Fischfang. Woran ich mich gut erinnere, ist, als wir fertig waren und nach Hause zurückkehren wollten, gingen alle Männer nach vorne um Kaffee zu trinken. Und ich trug die Schuhe meines Onkels, er war Kapitän, und er stellte mich hinter das Steuerrad und sagte: ‚Jetzt fährst du uns nach Hause. Wir gehen nach vorne und trinken Kaffee.‘ Und da stand ich, zwölf Jahre alt, in den großen Schuhen meines Onkels, ganz alleine, und steuerte ein Schiff“, berichtet ein isländischer Zeitzeuge in ›Kabeljaukrieg‹, einer Inszenierung des site specific theatre Das Letzte Kleinod, das seinen Produktionsstandort ein Stückchen außerhalb der Seestadt Bremerhaven in Schiffdorf hat.

Bei Sonnenuntergang und Niedrigwasser beginnt die Vorstellung von ›Koldeweys Polarfahrt‹, gespielt auf dem Originalschiff der ersten deutschen Polarexpedition von 1868. Das Publikum sitzt auf einem anderen Schiff im Hafenbecken direkt vor dem alten Segler und kann die Atmosphäre wie sie wohl auf dem Schiff damals gewesen sein mag, mit allen Sinnen erfahren.

Seit 1991 arbeitet die Künstlergruppe zusammen und gestaltet dokumentarische Theaterinszenierungen in Architekturen und Landschaften: am Strand, im Hafen, in Bahnhöfen, auf dem Schiff oder in einer Halle. Inszeniert werden ›wahre‹ Geschichten, also histo- rische Ereignisse und Begebenheiten. Die Form und der Inhalt einer Inszenierung entstehen dabei in der Auseinandersetzung mit der Kulturlandschaft an der Nordseeküste. Dabei wird der regionale Bezug eines Themas in einen internationalen Zusammenhang gestellt. Dokumentation und Authentizität der Inszenierungen nähren sich u. a. aus dem Text, der aus mündlichen Überlieferungen (Zeitzeugen, Archiv) und historischen Dokumenten zusammengestellt wird, Kostüm, Spielort, Geräusche, Akustik. In ›King of Tonga‹ z. B. wird die Legende des Seemanns Hinrich Meyer erzählt, der als Matrose aus Jork vor Tonga Schiffbruch erlitten haben soll, eine Häuptlingstochter geheiratet hat und König von Tonga wurde. Der ›Kabeljaukrieg‹ dokumentiert den gleichnamigen Krieg zwischen deutschen und isländischen Fischern Ende des 19. Jahrhunderts.

Zum festen künstlerischen Kern von Das letzte Kleinod gehören Jens-Erwin Siemssen (Regie, Autor, Recherche, Licht), Juliane Lenssen (Dramaturgie, Produktion; Regie und Autorin für junges Theater) sowie die Schauspielerinnen Birgit Wieger, Yvonne van den Akker und der Künstler Jos Smeets. Vor jedem Projekt steht eine ausführliche Recherche, um ausreichend Materialien zusammenzutragen. Außerdem werden Gastkünstler aus den jeweiligen Kulturkreisen eingeladen und Gastspiele in Partnerländern durchgeführt.

Da die Theaterprojekte von Das letzte Kleinod oft eine besondere Logistik erfordern, betreibt die Künstlergruppe zwei Bahnhöfe (Geestenseth, Breddorf ) inkl. Eisenbahnwaggons, die für den Transport eingesetzt werden. Jedes Jahr im Herbst wird ein ehemaliger Personenwaggon als Kindertheater eingerichtet. Bis zu 50 Kinder können dort Platz nehmen und die Abenteuer u. a. von der Piraten-Jenny, Bahnwärter Johann und dem Fischer Rasmus erleben. Gespielt wird auf den Abstellgleisen kleiner Landbahnhöfe im Elbe-Weser-Dreieck.


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