Freies Theater im Osnabrücker Land


Beitragsseiten

Das Kulturangebot in Osnabrück zeichnet sich durch die besonders große Vielfalt an qualitätvollen größeren und kleineren Projekten aus.

Es gibt so genannte Leuchttürme wie das Felix-Nussbaum-Haus oder das Morgenland-Festival und sehr gute Basisarbeit z. B. in der Soziokultur. Freie Kulturträger werden institutionell oder über Projektförderung, die zum Teil in mehrjährigen Zuschussverträgen geregelt ist, unterstützt.

Die Theaterlandschaft ist ebenso vielfältig: Es gibt das städtische Theater Osnabrück, professionelle Freie Theater und begeisternde Amateurtheater. Doch wenn ein/e Osnabrücker/in sagt: „Ich gehe ins Theater!“, dann meint sie/er das städtische Theater. Das städtische Theater Osnabrück hat beim Publikum eindeutig eine dominante Stellung inne. Und das Publikum macht den freien Theatern und den Veranstaltern für freies Theater manchmal das Leben schwer, denn: Das Osnabrücker Publikum ist treu!

Was positiv klingt, hat eine zweite Seite: Es bedeutet, das Publikum des städtischen Theaters geht ins städtische Theater, das Publikum der Probebühne geht zur Probebühne und so fort. Es ist sehr schwierig, theaterinteressiertes Publikum an andere Spielstätten heranzuführen. Das führt dazu, dass freie Kultureinrichtungen, z. B. Lagerhalle und Piesberger Gesellschaftshaus, weniger und weniger Theateraufführungen anbieten und Freie Theater engagieren.

Doch es gibt Bewegung. Ein noch junges Festival für Kindertheater wird gemeinsam von allen Kinderkulturanbietern der Stadt konzipiert und durchgeführt: Das ›Kuck mal! Osnabrücker Kindertheaterfest‹ fand in diesem Jahr zum 4. Mal statt und stand unter dem Motto ›Mehr Platz für Töne!‹. Städtische und Freie Kulturträger arbeiten hier zusammen und das Publikum erhält so einen Überblick über die Kindertheaterspielstätten in Osnabrück.Theater und Musik standen dieses Jahr im Mittelpunkt des 9-tägigen Festivals; es bot Schattentheater mit E-Gitarre, eine Operette für Kinder, eine Musik-Theaterreise per Bahn u.v.m.

Durch die Förderung der Stiftung Niedersachsen, des Landschaftsverbandes, der Stadt Osnabrück und Sponsoren war es möglich, freie Theater einzuladen, die die freien Veranstalter für ihr Alltagsprogramm nicht engagieren könnten.


Figurentheater in Osnabrück

Die Figurentheater nehmen unter den Freien Theatern, die insgesamt in Osnabrück kaum vernetzt sind, eine Sonderstellung ein. Fünf Bühnen haben sich zusammengeschlossen mit dem Ziel, das Puppenspiel in der Region zu fördern und in der Alten Fuhrhalterei ein Kommunikationszentrum für Puppenspieler und Freunde des Puppenspiels zu schaffen.

Hierzu gehören als Gründer dieses Hauses das Krokodil Theater von Max Schaetzke und Hendrijke Winter, die Figurentheater für Kinder, Jugendliche und Erwachsene entwickeln, das Theater Musik & Fadenspiel, das sich vor allem dem Marionettentheater widmet, sowie das Ottomaus Figurentheater, das vor allem für Kinder selbst geschriebene Figurentheaterstücke spielt. Ebenfalls Mitglieder der Alten Fuhrhalterei sind das Diwan Theater von Rolf W. Hector und Pappen-Elli mit selbst geschriebenen Geschichten, die aus dem Pappkarton heraus gespielt werden.

Bundesweit ist das Figurentheater Alte Fuhrhalterei einzigartig in seiner Bandbreite und der Vielfalt der Gruppen aus dem In- und Ausland, die dort auftreten. Die Zuschauer danken es dem Theater mit einer Auslastung zwischen 70 und 90 Prozent. Das Theater bietet vier bis fünf Vorstellungen wöchentlich, davon drei Kinderveranstaltungen und ein bis zwei Abendveranstaltungen im eigenen Haus. Diese Spielstätte wird von der Stadt durch einen vertraglich geregelten Zuschuss gefördert.

Auch wenn das Figurentheater hier eine besondere Rolle spielt, lässt sich insgesamt feststellen: Freie Theater sind in Osnabrück besonders ›frei‹, frei von einer Tradition Freier Theater in der Stadt und frei von eingeführten Spielstätten für Freie Theater. Und dennoch gibt es sie – sie sind einfach da! Zahlreich, sehr fantasievoll und experimentierfreudig. Die Veranstalter freuen sich aber darüber, dass zumindest die Premieren der neuen Stücke in Osnabrück stattfinden, bevor die Theater in die Welt ausziehen.


Musiktheater Lupe / Creme Double

Das Musiktheater Lupe wurde 1996 von Tine Schoch (Schauspielerin und Tänzerin), Katrin Orth (Schauspielerin und Sängerin) und Ralf Siebenand (Musiker, Regisseur) als Tourneetheater gegründet. Im Jahre 2000 ist Joachim Hillmann (Schauspieler und Theaterpädagoge) dazu gekommen.

Die Vielseitigkeit und die Möglichkeiten der Künstler/innen nutzt das Theater innerhalb seiner Inszenierungen und hat dadurch die Möglichkeit, unterschiedliche Genres anzubieten: Schauspiel, Musicals, Chansonprogramme und Kabarett, Produktionen für Kinder und Erwachsene, theaterpädagogische Projekte und Performances.

Das Theater will mit seinen Produktionen unterhalten, berühren, Assoziationen und Träume wecken und Geschichten erzählen. Charakteristisch für das Musiktheater Lupe ist das Schaffen von Bildern, neuer Zusammenhänge und ungeahnter Wendungen. Und natürlich der Einsatz der Musik sowohl in Form von mitreißenden Chansons und Ohrwürmern als auch als erzählendes, vorantreibendes Element innerhalb der Geschichte. Alle Stücke bestehen aus eigenen Texten und Kompositionen, bzw. sind in Zusammenarbeit mit anderen Theatern entstanden.

Das Musiktheater Lupe ist Mitinitiator des ›Kuck mal!‹-Kindertheaterfestivals. Als Creme Double präsentieren die vier Künstler ihr Erwachsenenprogramm. Aktuelle Produktionen sind: ›Die Tupperparty‹ und ›Striptease AG – Erfolg hat seinen Preis‹.


Teatro dei Pellegrini

Das Teatro dei Pellegrini vereint verschiedene künstlerische Richtungen (Schauspiel, Tanz, Gesang, bildende Kunst etc.) und versteht sich eher in der Tradition der ›teatranti‹ (Bühnendarsteller bzw. Theaterleute), denn als Schauspieler, Sänger oder Tänzer.

Bewusst arbeitet das Theater mit spärlichen Bühnenbildern und einfachen Bühnenmitteln, um die Fantasie der Darsteller und der Zuschauer anzuregen. Eine Mischung aus traditionellen, handwerklichen Bühnenelementen bzw. Bühnengesetzen und dem Gebrauch von modernen Medien oder Spiel-Ansätzen unterstreicht den experimentellen Charakter des Teatro dei Pellegrini.

Alle Aktiven des Teatro dei Pellegrini arbeiten auch an anderen Theatern. Das Teatro dei Pellegrini ist somit kein Theater, das ›non stop‹ produziert. Pro Jahr entstehen ca. zwei neue Produktionen, die auf Gastspielen in ganz Deutschland zu sehen sind.

Ziel des Teatro dei Pellegrini ist es, lebendiges, experimentelles und innovatives Theater für ›jedermann‹ bzw. ›jedefrau‹ anzubieten und internationalen Kontakt zu allen Altersstufen zu suchen. Als besonders fruchtbar für die Arbeit erachtet das Theater seine internationalen Erfahrungen, z. B. in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut in Rom. Zunehmend entstehen auch Kurzfilme am Teatro dei Pellegrini, die auf Kurzfilmfestivals gezeigt werden, aber auch in den Theaterproduktionen eine Rolle spielen.


Compagnia Buffo

1985 ließ Compagnia Buffo – als freie Theatergruppe im Zelt – das Vergnügen an einem Theater, das auf einer Bretterbühne des Jahrmarktes stattfindet, wieder lebendig werden. Ihre Geschichten behandeln Stoffe, die über Jahrhunderte den Menschen und sein existentielles Dasein betreffen: elementare Fragen, die die Menschen bis in die heutigen Zeit, ja sogar in die Zukunft verfolgen. So mögen ihre Geschichten eingebettet sein in altertümliche, mittelalterliche oder fabelartige Verkleidungen, doch suchen diese immer nach dem Kern, nach der Wahrheit. Ihre Geschichten ziehen sich nie in die Idylle verklärten Jahrmarktzaubers zurück, sondern sind ein Vexierspiegel der Wirklichkeit.

Anregungen, Inspirationen und Vorbilder hat Compagnia Buffo über Jahrhunderte hinweg in der Tradition der Fahrenden, der komödiantischen Spielleute und der Comedia dell‘Arte gefunden.

Compagnia Buffo hat sich für eine Form des Theaters entschieden, das an wechselnden Orten ein überschäumendes, gleichwohl professionelles Spiel präsentiert. Es lädt ein zu einer Wiederentdeckung der Sinne und des Körpers, zu Lebenslust und intensiver Erfahrung des spielerischen Augenblicks!


Mathom-Theater

Straßentheater und Rocktheater mit großen Ensembles standen vor 30 Jahren am Anfang der Schauspielerei des Mathom-Theaters. Mittlerweile haben sich die Schwerpunkte verlagert hin zu Präventionstheater gegen sexuellen Missbrauch, das sich in erster Linie an Grundschulen richtet. Schauspielerin Regina Gwiasda betont, dass durch diese Thematik das Theater für Kinder bei Erwachsenen und Veranstaltern mehr Respekt erfährt.

Aktuelle Stücke sind: ›Gewalt ist doof‹ und ›Finger weg von Julia‹.


WUM-Theater

Seit 1989 produziert und spielt das WUM-Theater Musik/Theater-Stücke vor allem für Kinder. Die aktuellen Produktionen sind: ›Keine Angst vor großen Tieren‹, ›SchusseldiWupp‹ und ›Kommst Du mit nach Durian‹, ein Stück zum Thema Kinderrechte. In Verbindung mit der Theateraufführung werden Workshops angeboten. Das Theater ist im Laufe der Jahre eher zweites Standbein geworden. Schwerpunkte liegen zur Zeit in der eigenen Musikschule, Musikprojekten und Workshops.

Im Bereich der Theaterpädagogik lohnt sich ein Blick auf die Arbeit der Theaterpädagogischen Werkstatt. Was als Zwei-Personen-Unternehmung unter dem Namen Osnabrücker Kammerspiele begann, hat sich zu einem Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern entwickelt, das deutschlandweit theaterpädagogische Projekte anbietet. Zur Osnabrücker Theaterlandschaft gehören auch das thieleneumann-theater, das sich mangels eigener Spielstätte dem Literaturtheater an ungewöhnlichen Auftrittsorten widmet und das Sonswas-Theater, das mit Puppenspiel und Kabarett deutschlandweit auf Tournee geht und unweit von Osnabrück Proberäume, Werkstätten und ein Aufnahmestudio hat, die auch von anderen Theatern genutzt werden können.

Neben den professionellen freien Theatern gibt es in Osnabrück eine lebendige Amateur-Theaterszene. Herauszuheben sind hier die Probebühne und das Erste unordentliche Zimmertheater.


Piesberger FreiLAUFtheater

Zum Schluss soll hier ein Projekt vorgestellt werden, das professionelles Theater und Amateurtheater verbindet und die Lebendigkeit der Theaterszene in Osnabrück verdeutlicht: das Piesberger FreiLAUFtheater.

Seit 5 Jahren schickt die Regisseurin Sigrid Graf Schauspieler/innen und Publikum ins Gelände. Der Begriff Piesberger FreiLAUFtheater umschreibt eine Veranstaltungsform, in der Orte rund um den Piesberg (Steinbruch, Mülldeponie, Kanal, Industrieruinen, Zechenbahnhof, alte Villen etc.) zu Schauplätzen eines theatralen Geschehens werden und das Publikum sich gemeinsam mit den Akteuren durch diese ›Theaterlandschaft‹ bewegt – zu Fuß, mit Eisenbahn, Bus, Draisine etc.

Profis und Amateure verschiedener Sparten arbeiten zusammen. Das gemeinsame Ziel schafft Verbindungen zwischen vielen verschiedenen Menschen und ›Werkstätten‹. Üblicherweise ist Soziokultur eher unspektakulär. Hier aber wird bewiesen, dass auch ein großes Theater-Event geschaffen werden kann.

Gesellschaftlich relevante und aktuelle Themen werden mit Mitteln des Theaters, der Musik, des Tanzes, des Films, und der bildenden Kunst bearbeitet. Durch die ungewöhnliche Form des FreiLAUFtheaters wird der Zugang erleichtert und eine Auseinandersetzung angeregt. Die Besucher werden ›berührt‹. So gelingt es, verschiedene Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens zusammenzubringen. Und das gilt nicht nur für die Mitwirkenden auf der Bühne – auch das Publikum setzt sich aus Stadt und Land, aus Jung und Alt zusammen.

Aber auch hier sorgt die fehlende Tradition Freien Theaters in Osnabrück für kleine Hindernisse: In jedem Jahr rollt das Projekt leise und langsam an, obwohl es in den Medien präsent ist, und erst ganz am Schluss haben viele Theaterinteressierte mitbekommen, dass da außerhalb des städtischen Theaters etwas völlig Schräges und Faszinierendes im Theaterbereich passiert. Wenn sie dann den Weg gefunden haben, sind sie restlos begeistert, denn es wird ein Rahmen geschaffen, in dem sie auch aktiv werden können und – wenn sie wollen – auch ein wenig in das Spielgeschehen eingreifen können.

In Wanderschuhen und mit Thermoskanne sind sie für die etwa 2,5-stündige Theaterwanderung bestens gerüstet. Wer sich aber vor matschigen Nachtwanderungen und dunklen Tunneln allzu sehr fürchtet, der ist im heimischen Puschenkino besser aufgehoben.


Empfehlen: