In der kulturellen Leuchtfläche - Ein Bericht von Thomas Kaestle über die neue Co-Geschäftsführerin Hannah Jacob

Seit Februar ist Hannah Jacob neue Co-Geschäftsführerin des Landesverbands Freier Theater in Niedersachsen. Seitdem ist sie vor allem Krisenmanagerin einer bedrohten Branche. Nun will sie in Zeiten der Krise Alternativen und Zukunftsmodelle für das Netzwerk entwickeln.

Ihr Lieblingszitat über das Theater hat sich Hannah Jacob sinngemäß eingeprägt, kann sich aber an den Kontext nicht erinnern. „Im Theater geht es nicht um das Theater, sondern um die Welt“, so hat Ivan Nagel das einmal geschrieben, da ist sie sicher, ein legendärer Kritiker, Publizist und Intendant. Jacob ist Sprach- und Literaturwissenschaftlerin, vor allem aber Dramaturgin – und seit Anfang Februar neben Martina von Bargen Co-Geschäftsführerin des Landesverbands Freier Theater in Niedersachsen.

Gesellschaftliche Relevanz steht für Jacob im Mittelpunkt des Theatermachens. Als Dramaturgin hat sie bereits in MünchenZürichWeimarOberhausenFrankfurt und Stuttgart gearbeitet – fast immer an Stadt- und Staatstheatern, aber häufig auch in engen Kooperationen mit der freien Theaterszene. Den Wechsel in die Verbandsarbeit empfinde sie jedoch nicht als Bruch, sagt sie: „Die Aufgaben einer Dramaturgin sind es, Zusammenhänge herzustellen, Interessen zu moderieren, Diskurse zu führen und Dinge voranzubringen.“

Rund hundert Gruppen gehören zum Verband

Der niedersächsische Theaterverband ist geprägt durch eine bunte Mitgliederstruktur aus knapp über hundert Theatergruppen und Einzelkünstlern in großen und kleinen Städten, aber auch in ländlichen Räumen. Auch hier geht es darum, Interessen auf einen Nenner zu bringen. Jacob kam mit großen Erwartungen nach Hannover, wie sie sagt: „Niedersachsen verfügt über ein großartiges, gewachsenes Netzwerk freier Spielstätten, die meist schon vor Jahrzehnten aus unterschiedlichsten künstlerischen Bedürfnissen und Haltungen heraus gegründet wurden.“

Wo anderswo einzelne Leuchttürme die freie Theaterszene vorantreiben, fügt sich Niedersachsens Spielstättenpuzzle zu einer kraftvollen Leuchtfläche, die immer wieder überregional Impulse zu setzen vermag. Jacob habe sich darauf gefreut, solche Strukturen weiter zu stabilisieren, sagt sie: „Doch seither muss ich mich mit Seuchenschutz auseinandersetzen.“ Die Corona-Pandemie habe die Verletzlichkeit freier Theatermacher deutlich gemacht – und damit auch die Bedeutung von gebündelter Interessenvetretung.

Theaterhaus in Not

Die Theaterschaffenden treffe die Krise besonders hart. Vieles sei durch Überbrückungsleistungen nur aufgeschoben, sagt sie, langfristig seien einige Mitglieder von Insolvenz bedroht: „Hier stehen künstlerische Biografien auf dem Spiel – und gerade in ländlichen Räumen auch kulturelle Infrastruktur.“

Jetzt sei die Zeit, Alternativen und Zukunftsmodelle zu entwickeln – jenseits vorab festgelegter Strukturen zu denken sei ja die Stärke des freien Theaters, so Jacob. Zudem fordert ihr Landesverband mehr Stabilität für die niedersächsischen Spielstätten, die zum Teil kaum ihr Personal bezahlen können – gerade hat das Theaterhaus Hildesheim angekündigt, den Betrieb zum Ende des Jahres einstellen zu müssen, wenn die kommunale Förderung nicht deutlich steige.

Ungeahnte Möglichkeiten

Zuletzt war Jacob in Stuttgart tätig. Vor einem Jahr war sie noch Projektleiterin des überdimensionalen Musik- und Theaterspektakels „Motor City Super Stuttgart“, das Schorsch Kamerun in der Baugrube des Bahnhofsprojekts Stuttgart 21 inszenierte. Dort hat sie die Erfahrung gemacht, welches Potential Kooperationen bergen. Außerdem sei das Projekt erst durch einen neuen Fonds der Stadt möglich geworden, sagt sie: „Die passende Förderung zur richtigen Zeit eröffnet ungeahnte Möglichkeiten.“

Von Thomas Kaestle

Quelle: www.haz.de


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