Von Sprungbrettern und Überfliegern


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Konstellationen und Kollektive im Umfeld der Hildesheimer Kulturwissenschaften.

Das Hildesheimer Freie Theater ist vielseitig und umfangreich. Geradezu unübersichtlich gestaltet sich die Vielzahl an Gruppen, Konstellationen und Kollektiven, welche in allen denkbaren Kunstsparten tätig sind. Dabei bemühen sie sich um eine stetige Selbsterneuerung und ihr Forschungsdrang ist nicht zu bremsen.

Das Hildesheimer Freie Theater ist frei, frei von finanzieller Unabhängigkeit und damit auch frei von planerischer Sicherheit. Zu viele Gruppen teilen sich die zu kleinen Fördertöpfe. Man kann jedoch davon ausgehen, dass die meisten Hildesheimer Freien Theatergruppen ihren Ursprung in den Kulturwissenschaften der Universität Hildesheim haben.

Diese Studienrichtung ist die Talentschmiede der Stadt und legt den Grundstein für die sogenannte Hildesheimer Schule. Während des Studiums arbeiten über 90 % der Studierenden losgelöst von der Universität in Freien Projekten. Dabei hat sich das Theaterhaus in seiner zwanzigjährigen Geschichte, nicht allein durch diverse Hausreihen, immer mehr zu einem dynamischen Sprungbrett aus der Stadt hinaus in die gesamte Bundesrepublik entwickelt. Beispielhaft für die Vielseitigkeit der Hildesheimer Schule sollen folgende sechs Gruppen und Kollektive stehen.


3%XTRA!

Die Gruppe 3%XTRA! agiert seit 1999 in Hildesheim. Ihr Schwerpunkt liegt in der Diskussion der Schnittstellen von Theatralität und Medialität in der Öffentlichkeit und im Diskurs des öffentlichen Raumes selbst. Sie erarbeiten sich Themen, die die Wirklichkeit auf ihren darstellerischen Gehalt prüfen. Dabei wird zu jeder Produktion neu über die geeignete ästhetische Sprache entschieden. Das Leben wird auf sein künstlerisches Potenzial und die Gesellschaft auf ihre theatralen Strategien hin untersucht. Ihre Arbeit führte sie schon von Marburg nach Berlin und von Bremen bis Leipzig. 3%XTRA! bestehen aus einer Autorin, einem Komponisten und einem Dramaturgen und Schauspieler. Ihre aktuellste Produktion heißt ›BEEP!‹ und hatte dieses Jahr in Hildesheim Premiere.


Turbo Pascal

Einen vor allem interaktiven Charakter besitzen die Arbeiten des Theaterkollektivs Turbo Pascal, welches sich 2004 in Hildesheim gründete und aus je drei Frauen und drei Männern besteht. Ihre Rechercheprojekte machen Zuschauende und Außenstehende zu Ko-Autoren und führen so zu einer gemeinsamen ›Spekulation über den Zustand der Welt‹. Intensive persönliche und historische Recherchen, sowie Interviewmaterial bilden die Grundlage ihrer Arbeit an Gegenwart und naher Zukunft. Dabei sind sie ganz ernsthaft an den Gedanken, Visionen und Vorschlägen ihrer Zuschauenden/Teilnehmenden interessiert. Fast unmerklich beziehen die Anwesenden Position und wechseln zwischen Beobachten und Einmischen. Das Gespräch, gepaart mit theatraler (Inter-)Aktion, führt zu einer Perfomance-Spielart, die in ihrer selbstreflexiven Offenheit einzigartig ist. Ihre Koproduktionspartner sind unter anderem die Schaubühne Berlin und das LOT Braunschweig. Mit ihrer Perfomance ›Wir werden wieder weg gewesen sein‹ waren sie in ganz Deutschland und auf verschiedenen Festivals erfolgreich unterwegs. Ihre aktuellste Produktion ›Schlender Studies‹ hatte dieses Jahr in den Sophiensaelen Berlin Premiere.


Fräulein Wunder AG

Ein Kollektiv der anderen Art besteht aus vier Frauen und einem Mann und nennt sich Fräulein Wunder AG. Dieser Name ist seit 2005 das Label einer ›Arbeitsgemeinschaft für Visionen und Utopien‹. Allen Mitgliedern ist ihre Hildesheimer Prägung gemein, mittlerweile sind sie jedoch in Hannover beheimatet. Interdisziplinarität ist oberstes Gebot und so liegt ihr Anspruch in der Verbindung von persönlicher Positionierung zu gesellschaftlich-ästhetisch relevanten Themen, dem Potenzial kollektiver Kreativität und der Aufgabe, das Erarbeitete angemessen für die Zuschauenden zu vermitteln. Der Zweck heiligt die Mittel und alle erdenklichen Formen und Arbeitsweisen werden getestet und verwendet. Für die Fräulein Wunder AG ist die Theatertradition Fundgrube und Schatzkiste, aber, so sagen sie: Ihr Theater muss – frei von allem historischen Ballast – ein Medium der Zeit sein und das kann es nur nah am Menschen, nah an der Gesellschaft! Die ›sich abschottende Festung Kunst‹, welche sich einem Publikum verweigert, weil es den Blick in die Welt nicht wagt, ist der Fräulein Wunder AG fremd. Ihre Arbeiten sind von München bis Flensburg zu sehen, prominente Partner sind dabei die taz, die Bundeszentrale für politische Bildung, sowie verschiedene Kultusministerien der Bundesländer. Ihre aktuellste Produktion ›Auf den Spuren von …‹ hatte dieses Jahr im August in Frankfurt Premiere. Diese Auswahl soll neben vielen weiteren stilprägenden Kollektiven beispielhaft für etablierte Gruppen der Hildesheimer Schule stehen, die auch weiterhin von Niedersachsen aus Freies Theater machen. Zugleich entstehen stetig neue Kollektive. Beispielhaft werden hier drei genannt, welche ihre Heimat in Hildesheim und Hannover haben.


Quartett PLUS 1

Die Forschung an den Schnittpunkten der Künste, sowie an interdisziplinären Aufführungsformaten bilden den Kern der Arbeit von Quartett PLUS 1. Das Quartett besteht aus vier Frauen, wobei das plus 1 für den ästhetischen Kooperationspartner ihrer jeweils aktuellen Produktion steht. Den studierten Kulturwissenschaftlerinnen dienen die Kompositionen von Philip Glass, Arvo Pärt und Kraftwerk als Klangmaterial und sind doch nur Ausgangspunkt für eine offene Reise, auf welcher sie neben ihrem musikalischen Talent verschiedenste Medien wie Tanz, bildende Kunst und Schauspiel für die Lust am Experiment nutzen. Das Ensemble existiert seit 2005 und erarbeitete bis 2010 circa zehn Produktionen. Quartett PLUS 1 sind Mitglied im Theaterhaus Hildesheim und werden unter anderem vom Deutschen Musikrat, der Stiftung Niedersachsen und der Hildesheimer Friedrich-Weinhagen- Stiftung gefördert. Ihre aktuellste Arbeit nennt sich ›Dissected Rendezvous‹ und hatte im Mai dieses Jahres in Hildesheim Premiere.


o.n.e. in Company

Die o.n.e. in Company aus Hannover wurde 2010 gegründet und vereint KünstlerInnen verschiedenster Sparten im dynamischen Prozess des Theatermachens. Inhaltlich bleibt ihre Arbeit dicht am alltäglichen Leben der Menschen, denn dort spielen sich die relevanten Geschichten ab. Ausgehend von einer Unterscheidung des Theaters in ein Theater der Themen und ein Theater der Schönheit, schafft diese Company den Spagat zwischen beiden Polen. Der hohe inhaltliche Anspruch geht einher mit einer klaren Formsprache. Diese junge Gruppe ist Teil des Pilotprogramms ›Werkraum Junge Künstler‹ des LaFT und in der Patenschaft der Theaterwerkstatt Hannover. Dieses Programm wird von der Stiftung Niedersachsen und speziell von ›Jugend für Europa‹ gefördert. Ihre bisher einzige und aktuellste Produktion trägt den Titel ›Nudisten Barbecue‹ (nach einem Stück der Autorin Marianna Salzmann) und hatte im September in Hannover Premiere.


vorschlag:hammer

In diesem Jahr ging der Körber Preis ›Junge Regie‹ nach Hildesheim. Der angehende Kulturwissenschaftler Kristofer Gudmundsson und seine Gruppe vorschlag:hammer stach die etablierten Regieschulen mit seiner Demonstration von Kreativität, Spielfreude seinem Metadiskurs über Autorenschaft, Figuren und Erzählstrukturen aus. Die Arbeit von Gudmundsson lässt sich als eine Suche nach intermedialen Erzählstrategien beschreiben. Sein sensibler Umgang mit Romanvorlagen und der Verschneidung von Texten verschiedener Herkunft schafft die Form für eben das, was er erzählen will. Die aktuellste Produktion mit seiner Beteiligung heißt ›Badlands‹ und feierte dieses Jahr im Theaterhaus Hildesheim Premiere.


Modell des Freien Theaterschaffens

Allen den genannten Gruppen ist ein starkes Interesse an einer spartenübergreifenden Arbeitsweise gemein, was zu einer ergebnisoffenen Arbeitshaltung führt. Dabei ist die Verzahnung von Theorie und Praxis, sowie eine vermittelnde Reflexion genauso Merkmal wie die Freude am Experiment und am eigenen (Er-)Schaffen der inneren und äußeren Strukturen. Die aufstrebenden Darstellenden Künstler und Künstlerinnen aus Niedersachsen strömen in die gesamte Bundesrepublik aus und verbreiten damit ein Modell des Freien Theaterschaffens, welches sich mit dem Begriff Hildesheimer Schule fassen und verorten lässt. Dabei bilden Studium, freie Spielstätte und Landesverband eine Plattform, welche den Sprung in die Professionalität erleichtert.


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